Hochschule Osnabrück - Institut für Theaterpädagogik
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„Ich wollte Klischees über Teenagerschwangere hinterfragen“
Die diesjährige Brüder-Grimm-Preisträgerin Silvia Jedrusiak studierte in Lingen Theaterpädagogik.

Die Diesjährige Brüder-Grimm-Preisträgerin Silvia Jedrusiak studierte in Lingen Theaterpädagogik.

Das Tanztheaterstück Mutter:Glück thematisiert die Teenagerschwangerschaft.

Jedrusiak gelang es, mit ihrem Stück Klischees zu hinterfragen, Vorurteile abzubauen, Mitgefühl zu erzeugen und trotzdem ästhetische Bilder zu schaffen.

Das Cactus Junges Theater in Münster ermöglichte Jedrusiak die Realisierung von Mutter:Glück. Fotos: Thomas Jedrusiak
Silvia Jedrusiak, Diplom-Theaterpädagogin und Schauspielerin, erhielt im November den mit 10.000 Euro dotierten Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin zur Förderung des Kinder- und Jugendtheaters für ihr Tanztheaterstück „Mutter:Glück“. Das Schauspiel behandelt das Thema Teenagerschwangerschaft. Die gebürtige Schweizerin studierte von 2001 bis 2005 am Institut für Theaterpädagogik der Fachhochschule Osnabrück in Lingen.
Im Interview mit Saskia Kampmeyer, Studentin am Institut für Kommunikationsmanagement, erzählt Silvia Jedrusiak von ihrer Arbeit.
Was bedeutet dir diese Auszeichnung?
„Wenn man so einen Preis für seine Arbeit bekommt, ist das natürlich ein ganz besonderes Geschenk. Für die eigene Theaterlaufbahn ist es der Antrieb, der einem sagt: mach weiter! Ich hatte mir zuvor kaum Chancen ausgerechnet, da viele der bisherigen Preisträger bereits einen renommierten Namen besaßen. Umso überwältigender war es dann, diese Auszeichnung zu bekommen. Alle, die mitgespielt und mitgewirkt haben, sind ebenso Preisträger.“
Welche Idee steckt hinter dem Stück „Mutter:Glück“ und wovon handelt es?
„Ich las 2009 einen Artikel über 17 junge Mädchen aus Gloucester, die alle gleichzeitig schwanger werden wollten. Ich fand das sehr spannend, recherchierte viel und wollte diese Geschichte auf die Bühne bringen. Irgendwann merkte ich aber, dass mir die Geschichte das Thema Teenagerschwangerschaft zu einseitig beleuchtet. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, mich von dieser Geschichte zu lösen und die Thematik breiter und differenzierter anzugehen.“
Wie hast du das Stück entwickelt?
„In meiner Arbeit ist es mir wichtig, dass ein Diskurs entsteht mit den jugendlichen Schauspielern und sie dadurch ein Teil des Stückes werden. Ich habe sie behutsam an das Thema herangeführt, Schreibwerkstätten durchgeführt, sie zu bestimmten Schwerpunkten improvisieren lassen und sehr viel mit ihnen diskutiert. Wir haben nicht nur mit einer Hebamme zusammengearbeitet, sondern auch Kontakt zum Mutter-Kind-Wohnheim in Münster aufgenommen, einen Fragebogen dazu entwickelt und ganz viel Sach- und Fachliteratur zum Thema gelesen. Die Mädchen sind schließlich echte Expertinnen auf dem Gebiet geworden. Die Dramaturgie basiert auf den Proben und den Interviews.“
Was war besonders herausfordernd für dich?
„Die Herausforderung lag vor allem darin, Autorin, Dramaturgin und Regisseurin gleichzeitig zu sein. Da ich mit so vielen Fachleuten und Betroffenen zusammengearbeitet habe, spürte ich Druck, dem Thema auf der Bühne gerecht zu werden. Zum anderen sehe ich den Schwerpunkt meiner Arbeit als Regisseurin darin, mit Bildern zu arbeiten und Ästhetik zu vermitteln. Alle diese Dinge auch inhaltlich zu vereinen, war eine wirklich große Herausforderung.
Die Choreographin Jennifer Ocampo hat das Tanztheaterstück schließlich physisch sehr professionell umgesetzt. Das Zusammenspiel mit meinem Mann, der die Musik komponiert hat, mit dem Bühnenbildner, der Kostümbildnerin und dem Lichttechniker, war sehr bereichernd. Toll war auch das Engagement von Cactus Junges Theater. Nur so war das Stück realisierbar.“
Was wolltest du mit dem Theaterstück ausdrücken?
„Ich wollte ganz unterschiedliche junge Mütter zeigen, um Klischees entgegenzuwirken. Das Stück bietet keine Meinung oder Lösung zum Thema Teenagerschwangerschaft an, sondern ermuntert den Zuschauer, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Empathie und Respekt für die jungen Müttern zu entwickeln."
Wie sind die jugendlichen Schauspieler mit dem Thema umgegangen?
„Auch meine Spielerinnen hatten zu Beginn Klischees über junge Mütter. Während der intensiven Recherche und Auseinandersetzung merkten sie, dass auch sie davon betroffen sein könnten. Sie haben sich mit dem Thema unglaublich identifiziert und verteidigen junge Mütter bis heute. Es ist schön, zu sehen, dass ihnen das Stück so viel bedeutet. Unser Anliegen war, zu zeigen, dass es zwar keine einfache Aufgabe ist, eine Teenagermutter zu sein, dass es aber Möglichkeiten gibt, die Situation trotz schwieriger Umstände zu meistern.
In alledem war es mir aber stets wichtig, eine ästhetische Form für diese Inhalte zu finden und nicht moralisierend zu wirken.“
Wie hast du deinen persönlichen Werdegang entwickelt?
„Ich hegte von Kind auf eine Faszination und Leidenschaft fürs Theater und habe gleichzeitig auch immer gern mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Mit 19 Jahren habe ich begonnen, Kurse an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich zu besuchen. Der Leiter hätte mich gerne weiter an seiner Schule ausgebildet, aber ich hatte schon ein pädagogisches Studium begonnen. Ich entschied mich zunächst für das Studium und unterrichtete nebenbei. Allerdings habe ich weiterhin bei verschiedenen Regisseuren gespielt und schließlich gemerkt, dass ich diese Leidenschaft zum Beruf machen möchte. Daraufhin habe ich in Lingen mit dem Theaterpädagogik-Studium begonnen.“
Hat dir das Studium der Theaterpädagogik gefallen?
"Es war eine bereichernde Zeit. Ich war immer eine recht kritische Studentin, die nicht mit allem sofort zu begeistern oder zufriedenzustellen war. Ich hatte oft das Gefühl, bestimmte Dinge noch vertiefen zu müssen, wie zum Beispiel die Anleitung zum Schauspiel, die mir persönlich damals zu kurz kam. Ich war der Ansicht, man müsse das Handwerk beherrschen, wenn man später andere darin anleiten wolle. Deshalb war es für mich immer sehr wichtig, auch selber zu spielen. Ich denke, man muss sich als Theaterpädagoge oder als Künstler immer das holen, was man braucht. Was genau das ist, muss jeder Theaterpädagoge selber entscheiden."
Welche Tipps kannst du künftigen Theaterpädagogen für ihre Berufslaufbahn geben?
„Ich rate dazu, viele unterschiedliche Projekte auszuprobieren, um zu schauen, wo die individuellen Stärken liegen. Wenn man schließlich weiß, wohin man will, sollte man sich auf seine Ziele konzentrieren und sich in diesen Bereichen weiterbilden. Auch wenn das nicht immer ganz einfach ist, denn manche Jobs muss man schon allein aus finanziellen Gründen einfach wahrnehmen.“
Woran arbeitest du gerade?
„Neben zeitlich etwas kürzer gehaltenen Theaterprojekten arbeite ich momentan vor allem als Trainerin und Coach, da das mit meiner Familie besser zu vereinbaren ist. Zudem bin ich immer wieder als Schauspielerin bei verschiedenen Labels oder fürs Unternehmenstheater tätig. Daneben entwickle ich weiterhin verschiedene Ideen, Texte und Konzepte für neue Stücke und warte auf den richtigen Zeitpunkt, diese zu realisieren.“
Von: Saskia Kampmeyer